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Gemeindebrief 2003:
 

Das Presbyterium unserer Kirchengemeinde hat beschlossen, dass für die
liturgisch besonders hervorgehobenen Festgottesdienste der Osternacht
und der Christmette die hellere Amtstracht getragen werden kann.

 

 

So sind wir es gewöhnt: der evangelische Pfarrer oder die Pfarrerin im schwarzen Talar mit weißem ..., wie heißt das Dingen unter dem Kinn da nochmal? „Beffchen“! ach ja.

Ein Blick in die evangelische Ökumene läßt uns vielfach staunen: Wie? ein evangelischer Pfarrer in weiß mit einem bunten „Schal“ (Stola) über dem Gewand? Die genau eingeteilte textile Welt, schwarz die Evangelischen, weiß und bunt die Katholischen, scheint völlig durcheinander geraten! Hat nicht Luther den schwarzen Talar eingeführt? Sieht man ihn nicht so auf allen Bildern? Und überhaupt: „die evangelische Kirche wird immer katholischer“. So oder ähnlich denkt und fühlt mancher evangelische Christ.

 

Liturgische Gewänder in der Reformationszeit

Da lohnt sich ein Blick in die Reformationszeit. Keineswegs hat Luther die liturgischen Gewänder abgeschafft! In den Tischreden sagt er,  es sei typisch für die Sekten (er sprach damals von „Schwärmern“), kein Chorhemd anzuziehen. Allerdings zeigte er sich zur Predigt öfter in Zivil, einem dunklen Straßenmantel, der sog. 'Schaube', oder in seinem schwarzen Universitätstalar. Wenn es aber seine Aufgabe war, die Liturgie zu leiten und das Abendmahl zu feiern, trug er die üblichen weißen liturgischen Gewänder. Auf den beiden Abbildungen sehen wir das weiße Chorhemd, Luther beim Austeilen des Brotes und einen ev. Pfarrer des 18. Jahrhunderts bei der Taufe.

Luthers Reformation bewertete die liturgischen Gewänder zusammen mit Orgeln, Glocken, Altären,Kerzen u.ä. als 'a d i a p h o r a' d.h. Mitteldinge. Dinge, die natürlich nicht heilsnotwendig, aber eben auch nicht unwichtig sind. Dies steht im Zusammenhang einer prinzipiellen Entscheidung der lutherischen Reformation und später der Union: alles, was in den Dienst des unverfälschten Evangeliums genommen werden kann, darf Bestand haben. Abgeschafft wird nur, was dem Evangelium widerspricht. Die Schweizer Reformation hat da anders entschieden. Sie hat Liturgie und Gewänder, zeitweise auch die Orgel abgeschafft.

 

Verfall vieler Traditionen im 18. Jahrhundert

Seit dem 18. Jahrhundert kamen Gottesdienst- und Standesgewänder in den meisten evangelischen Gebieten
aus der Mode. Mit dem beginnenden Rationalismus wurden vielerorts auch das überkommene Gesangbuch
und die Liturgie als nicht mehr zeitgemäß abgeschafft. Mit den reformatorischen Liedern, mit den Liedern von Paul Gerhardt, mit dem „Kyrie eleison“ und „Ehre sei Gott in der Höhe“ verzichtete man auch mehr und mehr auf die „altmodischen Costüme“ und predigte hinfort gerne in Zivil. Das neue rationalistische Gesangbuch, mit einseitig moralisch belehrendem Liedgut, war schnell wieder verschwunden, ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Liturgie und Predigt stellte aber erst die im 19. Jahrhundert
 

vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. eingeführte Agende (d.h. Gottesdienstbuch) wieder her. Gleichzeitig verordnet der König als weltliches Oberhaupt der Kirche seinen Amtspersonen eine Amtstracht, sofern sie keine in Gebrauch haben. Pfarrer, Richter und Rabbiner erhielten in dieser Zeit die schwarze Robe.

Königliche Kabinettsorder:
Gottesdienstordnung und Amtstracht

Rüffel
wegen schlampiger Kleidung der Geistlichen

 


D
ie königlichen Verfügungen über die Gottesdienstordnung und die Amtstracht stießen zunächst auf teilweise heftigen Widerstand. Gleichwohl wurde seitdem kaum eine Verfügung „von oben“ so schnell und so sehr von den evangelischen Christen verinnerlicht.

Der weiße Talar. Neue Kleider für den Pfarrer?

Im 20. Jahrhunderts hat die liturgische Bewegung für eine Neubesinnung auf das Wesen des Gottesdienstes und für eine lebendige Gottesdienst-kultur gearbeitet. Spätestens mit dem Ende des 1. Weltkrieges, mit dem Wegfall der Staatskirche und der Verbindung von „Thron und Altar“ begann man nun auch kritisch über die sog. „Pastorenkirche“, d.h. die übergroße Fixierung von Gemeindeleben  und Gottesdienst auf den Pfarrer und nur den Pfarrer nachzudenken. Gerade die Rheinische Kirche war durch den Einfluß reformierter Kirchenverfassungen daran interessiert, neben dem durch den Talar hervorgehobenen Pfarramt die Rolle und Bedeutung der Gemeindeglieder zu stärken. Für den Gottes-dienst kann das nur heißen: Aus „der Pfarrer hält den Gottesdienst“ muß werden: „Gemeinde feiert Gottesdienst“. Der schwarze Talar, eigentlich Kennzeichen von Amt, Autorität und Kompetenz des Pfarrerstandes ist faktisch nun auch ein liturgisches Gewand geworden. Überlegungen in den 70er Jahren, ihn abzuschaffen, wurden von den Gemeinden zurückgewiesen. So schön der schwarze Talar auch ist, so sehr er vielen, auch mir, am Herzen liegt, einen gravierenden Nachteil hat er. Das haben viele in den 70er Jahren gespürt. Er ist ganz und gar gebunden an den

ordinierten Geistlichen, an den Pfarrer oder Predigthelfer, er repräsentiert die Amtskirche. Das Priestertum aller Gläubigen lässt sich durch ihn nicht darstellen. Das ist bei dem weißen Talar, der seit 1983 in der Rheinischen Kirche zugelassen ist, anders. Er greift auf Traditionen der Alten Kirche zurück und ist das in der Christenheit aller Konfessionen am weitesten verbreitete liturgische Gewand. Er besteht genau betrachtet aus einem weißen Gewand, der sog. Albe. Sie steht symbolhaft für das neue Leben der Getauften: Sie ist nicht Standeskleid des Pfarrers, sondern Taufgewand  a l l e r  Christen und somit Ausdruck des Priestertums aller Gläubigen. Nur die Stola, das über den Schultern getragene Band in den liturgischen Farben, kennzeichnet das Pfarramt, sie ist Zeichen der Ordination, d.h. der bleibenden Beauftragung zum Dienst der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung. Diese Unterscheidung ist für das Gemeindeverständnis und die Gottesdienstkultur, zu der sich unsere Kirche längst auf den Weg gemacht hat, wesentlich und wichtig. Sie macht urevangelische Anliegen sichtbar besonders dann, wenn mit dem Pfarrer mindestens ein Gemeindeglied bei der Gestaltung des Gottesdienstes mitwirkt und dabei stellvertretend für alle das helle Gewand der Getauften trägt. Es geht also eigentlich nicht um die Kleider des Pfarrers, sondern um einen Beitrag zu einem Gemeindeverständnis und einer Gottesdienstpraxis, der evangelischem Profil gerecht wird.

R.-D. Gregorius